Wir haben von unseren
Vätern und Vorfahren gehört, dass „Pirali“ beim Priester des Palastes „Der Dele/Qasra
Der Dele“ zu Gast war. Und bis jetzt erwähnen wir (Tshelki[2])
„Pirali“ in Zusammenhang mit „Qasra Der Dele“/Der Palast von Der Dele, weil er
sich eben dort zum
ersten Mal offenbart
hat. „Der Dele“ liegt in Türkisch Kurdistan in der Gegend des Stammes Tshelki.
Dort ist er der Kirche als Gast erschienen. Dort zeigte er sich in der Gestalt
eines Derwisches, eines armen Mannes. Bei seiner Ankunft dort fragte ihn der
Verantwortliche der Kirche:
Wonach suchst du,
Fremder?
Der Derwisch: Ich bin
ein Bauer/Wanderer!
Der Priester: Wenn du
ein Bauer bist, dann ist unser Problem gelöst, denn wir sind nämlich auf der
Suche nach einem Schafhirten.
Der Derwisch: Oh,
bei Gott, das ist genau das, was ich kann. Ich werde Eure Schafe hüten.
„Wie wir erfahren
haben, hat sich diese Geschichte vor langer Zeit ereignet, das genaue Datum
darüber, wann „Pirali“ existierte, ist uns daher nicht bekannt.“
„Pirali“ blieb bei
den Christen in der Kirche.
Alle Menschen der
Nachbarschaft und auch die anderen Schafhirten kümmerten sich um „Pirali“.
„Pirali“ sammelte
jeden Tag seine Schafherde und ging mit ihr fort zu einem Tal; er ließ sie
jedoch nicht weiden.
Der christliche
Besitzer der Schafherde war aber äußerst zufrieden mit seinem Schafhirten, denn
es ging seinen Tieren trotz des Verhaltens des Schafhirten sehr gut, sogar
besser als den Schafen der Nachbarschaft. Und als die Zeit der Geburt der Lämmer
der Schafe kam, bekam jedes Schaf Zwillinge. Der Besitzer freute sich riesig
darüber, denn seine Herde vermehrte sich schneller als sonst.
Es wurde ihm trotzdem
eigenartig, und er wunderte sich über diese plötzliche Veränderung, denn
in keinem Jahr zuvor hatten seine Schafe so viele Lämmer zur Welt gebracht als
in jenem Jahr. Um den Grund dafür zu finden, befahl er eines Tages Pirali:
„Bringe heute die
Schafherde zum Ort X und zu der Wassertränke Y. Und gib ihnen genug Wasser, denn
es ist heiß und die Tiere werden schnell durstig.“
Pirali: Wie Sie
möchten, mein Herr.
Es wird erzählt, dass
„Pirali“ seine Schafherde zu einer ganz und gar kahlen Gegend, ohne Wasser und
Weidemöglichkeit für die Tiere brachte. Er ließ die Tiere sich unter der
glühenden Sonne hinlegen; während dessen beobachte ihn der christlich Besitzer
der Schafherde. Er sah, dass eine Wasserquelle in dieser kahlen Gegend neben der
Schafherde floss, und dass jedes Schaf wenn es Durst bekam, aufstand, zu der
Wasserquelle hinging, seinen Durst in aller Ruhe stillte und ganz gemütlich zu
seinem Platz zurück ging und sich wieder neben den anderen Tieren hinlegte.
Die Vorfahren des
Christen waren in dieser Gegend aufgewachsen und er, der Christ, kannte die
Gegend ebenfalls in- und auswendig, doch nie hatte er davon erfahren, dass eine
Wasserquelle an jenem Ort existierte. Der Christ bemerkte sofort, welchen Fehler
er begangen hatte, er sagte:
Oh, bei Gott, ich
habe gesündigt! Er ging auf „Pirali“ zu und sagte: Walte über mich bitte nach
deinem Gewissen; ich habe einen Fehler begangen, bewahre uns bitte vor einem
erneuten Fehler, ich bitte Dich inständig um Verzeihung!
Wie wir erfahren
haben, hat „Pirali“ den christlichen Besitzer der Schafherde gesegnet und ist
spurlos verschwunden, seit dem Augenblick hat der Christ „Pirali“ nicht mehr
erblickt!
Es wird erzählt, dass
„Pirali“ nach dem obigen Ereignis zur „Shore“/“Tshiyaye Shore“[3]
zu den „Kiwakhi, Badshini und Kharabi“[4]
gegangen ist, danach
soll er zu den „Dasikan“[5]
weiter gegangen sein.
Die Yeziden der
Gegend von „Tur Abdin[6]“
sammelten sich um ihn. Dort hat er sich den Yeziden dieser Gegend mit dem Namen
„Pirali“
vorgestellt. Er sagte
ihnen: Ich bin „Pirali“.
Früher waren die
Menschen nicht so naiv, sie glaubten nicht sofort was ihnen andere sagten, wenn
z.B. ein gottesfürchtiger Mensch zu ihnen kam, schenkten sie ihm erst Glauben,
wenn er ihnen ein Wunder gezeigt hatte, und so sagten sie zur „Pirali“: Wir
glauben nicht an das, was Du uns erzählst!
Der Gastgeber „Piralis“
hatte eine Kuh geopfert, und alle Dorfsbewohner zu einem Schmaus eingeladen.
Nach dem Essen sammelte „Pirali“ alle Knochen der Kuh zusammen und machte eine
Handgeste- wie wir von unseren Vorfahren mitbekommen haben- und plötzlich wurde
die Kuh wieder lebendig und spazierte aus dem Essensraum in den Hof.
Nach diesem Ereignis
wurde „Pirali“ unter den Leuten berühmt, er weilte eine Woche in dieser Gegend
und ging dann fort; er erlegte ihnen jedoch die Pflicht auf, das Fest „Pirali/Batizmi“
zur seinen Ehren zu feiern.
Am Fest „Batizmi“
gibt es einige Bräuche, zu diesen Bräuchen gehört z.B. das Backen eines
speziellen Brots “Khawra[7]“;
nur die Bediensteten der „Pirali-Familie“ aus dem Stamm „Bozera[8]“
dürfen dieses Brot backen.
Wie sind „Bozeras“ zu den Bediensteten
des „Piralis“ geworden?
Als Pirali zum Stamm
der „Tshelka“ gekommen ist, hat er als Gast bei den Leuten geweilt. Jeder
brachte ihm Opfergaben.
Es wird erzählt, dass
damals ein junger Mann in seiner Gesellschaft anwesend war und sah wie die Leute
„Pirali“ Opfergaben bringen. Er war der einzige, der „Pirali“ keine Opfergabe
schenkte, so machte er sich auf dem Weg nach Hause. Bei seiner Ankunft sagte er
zur seiner Mutter: Mutter!
Die Mutter: Ja, mein
Sohn
Der Sohn: „Pirali“
ist in unserem Dorf angekommen und alle Dorfbewohner haben ihm Opfergaben
gebracht. Gibt es denn nicht etwas, was wir ihm auch schenken könnten?
Die Mutter: Mein
Sohn, wir haben bei Gott nichts. Wir sind arm, was wir allerdings haben, ist ein
wenig Gerstenmehl; wenn du möchtest, kann ich daraus ein Brot backen.
Der Sohn: Gut Mutter,
wenn es auch ein Fladenbrot ist, wichtig ist unserer guter Wille, eine gute Tat
tun zu wollen.
Die Mutter des Jungen
backte aus dem Mehl ein leckeres, gut geröstetes Brot und gab es ihrem Sohn. Der
Junge steckte das Fladenbrot “Sawik“ aus Gerstenmehl unter seinem Mantel und
ging zu dem Haus, in dem sich „Pirali“ aufhielt. Als er dort ankam, sah er
welche Opfergaben die Leute -es gibt eben zur allen Zeiten wohlhabende
Menschen- Pirali geschenkt haben. Manche hatten Schafböcke oder Ziegenböcke für
„Pirali“ geschlachtet, jeder hatte ein Tier für ihn geschlachtet. Nun, als der
junge Mann die reichen Gaben der anderen Dorfbewohner sah, schämte er sich, sein
bescheidenes Geschenk zu zeigen.
„Pirali“ rief dem
jungen Mann zu und sagte:
Sohn der alten
Frau!
Nimm das
Fladenbrot aus deinem Mantel heraus;
ich akzeptiere
dein Geschenk mit dem Wert eines Bullen,
und mache es zum
„Tobark[9]“
dieser Gaben.
Seit
jener Zeit existier das „Khawra Pirali“
Bis
zur unserer Zeit backt die Familie der „Bozera“ das „Khawra-Brot“. Diesen Brauch
gibt es bei den Yeziden des Stammes Tshelki in der Türkei nicht mehr, jedoch bei
den Tshelkis im Irak. Die Bediensteten des „Pirali“ übernehmen diese Aufgabe.
Jede Familie muss drei Khawra-Brote backen, eines für die Gäste, eins für „Sheshims“[10]
und eins für „Pirali“.
Wie wird der Brauch der Opfergaben
vollzogen?
„Pirali“
hat die Art und Weise der Opfergaben festgelegt. Jede Familie, ob arm oder
reich, soll ein Tier, meistens ein Schaf zu Ehren von „Pirali“ opfern. Aus der
rechten Hälfte des Tiers werden dann sieben grobe Fleischstücke entnommen.
Das
Vorderbein des Opfertiers wird in drei grobe Stücke geteilt, dazu kommen ein
Rippenknochen, der Nacken, die Brust und sieben Wirbel der Wirbelsäule. Somit
wären die sieben Stücke vollständig.
Warum
werden genau sieben grobe Fleischstücke aus der rechten Hälfte des Opfertiers
entnommen?
Das
kommt daher, weil es erzählt wird, dass es sieben heilige Persönlichkeiten oder
sieben Engel gibt, und jedes Fleischstück ist einer der Persönlichkeiten oder
einem der Engel gewidmet, wobei „Pirali“ auch dazu gehört.
Das „Batizmfest“
bei dem Stamm „Tshelka“ dauert sieben Tage an, es fängt am Sonntag an und endet
am Samstag.
Die Zeremonien und Bräuche dieses
religiösen Festes werden wie folgt vollzogen:
Der
Sonntag gilt der Reinigung und dem Hausputz, an diesem Tag wird das ganze Haus
gereinigt und geputzt und die Wäsche wird gewaschen.
Am Montag,
Dienstag und Mittwoch wird gefastet. An diesen Fastentagen werden Almosen in
Form von gekochten Speisen an bedürftige Menschen verteilt. Am
Mittwochnachmittag wird dann das Opfertier geschlachtet.
Am
Donnerstag findet die „Shafbarat[11]“
statt und am späten Nachmittag wird dann „Khawra Pirali“/das Brot des Pirali
seitens des Bediensteten des „Piralis“ gebacken. Neben dem Bediensteten des „Pirali“/“die
Midshewir“ können sich auch andere Leute an den Vorbereitungen zum Backen des
Brotes beteiligen, sie müssen ihren Wunsch lediglich rechtzeitig bei dem
Bediensteten/“den Midshewirs“ anmelden.
Am
Freitag besuchen sich die Freunde, Verwandten und Nachbarn gegenseitig und
gratulieren sich zum Fest „Batizmi“, außerdem besuchen die Frauen ihre Eltern
und die Familienmitglieder kommen beisammen und feiern miteinander. Am Samstag
ist dann das Neujahrfest.
Das „Batizmifest“
findet zwei Wochen nach dem „Fastenfest zu Ehren von Ezi“ statt. Dementsprechend
müssen die drei Fastentage während des „Batizmifestes“, die auch die „Fasten zu
Ehren von Sheshims“ genannt werden, Ende Dezember und an dem darauf folgenden „Sheshimsfest“
im Januar stattfinden[12].
Demnach findet die Fastenzeit vom 28. bis zum 30. Dezember nach dem
gregorianischen Kalender/nach dem julianischem Kalender vom 11. bis 13. Januar
statt. So findet das „Fest Sheshims“ am 1. Januar nach dem gregorianischen
Kalender oder am 14. Januar julianischer Kalender) statt. Die Zeitberechnung
nach dem gregorianischen Kalender ist mit „Tshile Zivistani/vierzig tägige
Winterzeit verbunden; das „Sheshimsfest“ muss im neuen Jahr stattfinden.
Wie
bei den Yeziden allgemein bekannt ist, wird am letzten „Batizmitag“, Sonntag das
„Sheshimsfest“ gefeiert.
Das
Festmahl am Vormittag nennt man das „Sheshimsfrühstück“. Am Sonntagvormittag
wird das Festmahl zur Ehren von „Sheshims“ für die anwesende Gesellschaft
vorbereitet.
Auf
diese Weise verbrachte „Pirali“ sieben Tage bei den Yeziden in der Region „Shore“.
Von hier aus ging er weiter zum Stamm „Dasika“ in den Berghängen von „Mardin“ in
Nordkurdistan.
Die
erste Woche verbrachte „Pirali“ beim Stamm „Tshelka“ in der Region „Shore“,
danach ging er zu „Dasikas“ und verbrachte die zweite Woche bei ihnen, er machte
sie sich zu Anhängern und legte ihnen die Pflichten auf und er wurde ihr
Heiliger Patron. Er hinterließ sein Symbol dort und ging weiter nach
Südkurdistan/Irakisch Kurdistan.
Dieses Symbol ist bis jetzt erhalten geblieben, es hat die Form eines
Schafbockhauptes und ist so groß wie das obere Teil des „Tawissymbols“[13].
Das Haupt des Schafbockes schaut mit dem Blick auf der rechten Seite. Das Symbol
ist aus reiner Bronze hergestellt, in goldener Farbe gehalten und ist so groß
wie das obere Teil des „Tawsisymbol“. Auf dem Symbol ist eine Gravur in
lateinischer Schrift angebracht.
Das „Pirali-Symbol“
befindet sich zurzeit bei einer „Faqir-Familie“ aus der Familie „Zaro“ in der
Region „Shengal“ in Südkurdistan. Obwohl diese Familie nicht zu den Anhängern
von „Pirali“ gehört, befindet sich dennoch dieses Symbol bei ihr.
Wie gelangte dieses Symbol in die Hände
der Familie „Zaro“?
Damals regierte in der Türkei eine tyrannische Herrschaft; die Yeziden waren
ständigen Anschlägen ausgesetzt. Als in derselben Zeit „Zaro“ die „Kocakswürde“
erhielt, ging Frau Zaro zum Stamm der „Tshelka“. Dort übergaben sie ihr das
Symbol ihres heiligen Patrons und sagten:
Oh
Mutter Zaro! Wir haben das Symbol unseres heiligen Patrons „Pirali“ und es
werden tagtäglich barbarische Anschläge auf uns verübt. Die islamische
Herrschaft ist eine tyrannische, sie unterdrückt uns, daher haben wir Angst,
dass sie uns eines Tages unser heiliges Symbol wegnehmen. Nimm das Symbol mit
Dir nach „Tshiyaye Shengale“. Dort ist das Zentrum des Yezidentums, dort ist es
sicherer und kann besser geschützt und bewahrt werden.
Die
„Mutter Zaro“ kam ihrer Bitte mit Freude entgegen und nahm das Symbol mit, das
sich bis jetzt bei ihren Nachkommen befindet.
Der Ursprung des „Batizmifestes“ in
„Shengal“ und „Walatshekh“
Nach dem
einwöchigen Aufenthalt des „Pirali“ bei den „Dasikas“, zog er weiter in Richtung
Tshiyaye Shengale/ Shengalberg.
Zu
der Zeit gehörten die „Pirs“ von „Pirafat“ auch zu der Großfamilie des „Pirali“,
die Wallfahrtsstätte des „Pirafat“ befindet sich in „Tshiyaye Shengale“.
Als „Pirali“
in „Shengal“ ankam, ging ein Pir (es ist nicht bekannt, wie er hieß) dem „Pirali“
nach, er wollte „Pirali“ sehen und sich zu ihm gesellen. Da fragte er jemanden:
Wo
ist der Pir?
Er
sagte: Pir fat[14]!
Der
Platz, an dem „Pirali“ sich aufhielt, befindet sich zurzeit in Shengal und trägt
den Namen, „die heilige Stätte des Pirafats“. Die Pirs des „Pirali“ und die Pirs
des „Pirafats“ sind die Nachkommen des „Pir fat“, der seinerseits der
Großfamilie der „Shamsani“ angehört.[15]
Der „Pir“
kam nach „Pirakhayi“[16]
und fragte hier nach jenem „Pir“,. Er fragte: wo ist der „Pir“?
Sie
sagten: „Pir ghab“![17]
„Pirali“
spürte innerlich, dass „Shaikh Adi“ sich im Lalish befindet. (es wird jedoch
anderweitig erzählt, dass „Pirali“ schon vor „Shaikh Adi“ in Lalish geweilt
hat.). Ab dieser Zeit kam dann „Shaikh Adi“ und niemand wusste mehr etwas über „Pirali“.
Die
Ankunft „Piralis“ nach „Tshiyaye Shengale“ erfolgte auf diese Weise,; wir haben
ihn so kennen gelernt.
Wie „Pirali“
das „Batizmifest“ bei den Yeziden des Stammes „Tshelka“ zur Pflicht machte, so
machte er das Fest „Mel Melav“ bei dem Stamm „Dshiwaniya“ zu deren religiöser
Pflicht.
Der
Stamm Dshiwaniya bringt keine Tieropfer im Dezember dar, wie es beim Stamm der „Tshelka“
üblich ist. Die Angehörigen des Stammes essen und verteilen vielmehr
Süßigkeiten. Ihr Fest wird das „Mel Melav der Dshiwaniya“ genannt.
„Pirali“
kam nach „Walatshekh“ und machte das Fest „Belinda Pira“/ das Belind der Pirs.
Dieses Fest wird ebenfalls zu Ehren von „Pirali“ veranstaltet. Die Yeziden der
Region „Walatshekh“ feiern dieses Fest und backen ebenfalls das heilige Brot. Es
scheint jedoch, dass die Yeziden des Stammes „Tshelka in Tshiyaye Shengale“ die
Sitten und Bräuche dieses Festes besser bewahrt haben.
Ich habe erwähnt, dass der Midshewir das heilige
Brot „Khawra“ zubereitet und backt; am späten Nachmittag zwischen 17 und 18 Uhr
wird das „Khawra“ aus dem Haus des „Midshewir“ geholt und alle Dorfsbewohner
kommen und besuchen jenes Haus, in dem sich das „Khawra“ befindet und holen sich
den Segen des „Khawrabrotes“ bzw. den Segen ihres heiligen Patrons „Pirali“.
Am
Freitagabend wird das „Khawrabrot“ dann in kleinen Stücken zerteilt, damit jede
anwesende Familie ein Stück von dem heiligen Brot „Khawra“ als Zeichen des
Segens ihres Patrons bekommt. Jede Familie aus dem Dorf oder der Ortschaft
bringt je nach der Größe ihrer Familie eine bestimmte Menge an Rosinen, die
sieben Fleischstücke des Opfertiers, sieben Fladenbrote und sieben handgemachte
Kerzen oder Dochten[18].
Alle diese Gaben werden neben das „Khawrabrot“ gestellt bzw. daneben aufgehäuft.
Der
„Midshewir“ verteilt dann die kleinen „Khawrastücke“ auf die Anwesenden und gibt
ihnen nach der Größe ihrer Familien eine bestimmte Menge an Rosinen. Sie werden
nach Anzahl der Familienmitglieder und deren Alter verteilt, zuerst werden die
Namen der männlichen dann die der weiblichen Mitglieder der Familie aufgezählt.
Für jede Person bekommt die Familie eine Handvoll Rosinen.
Früher verteilte der „Midshewir“ die Rosinen mit der Hand, jede Person bekam
dementsprechend eine Handvoll Rosinen, jetzt benutzt er aber eine kleine
Schüssel, denn wir, die „Tshelka“ glauben, wenn eine Rosine aus der Hand des „Midshewir“
bei der Verteilung herunterfällt, dass jene Familie ein übles Schicksal
erwartet. Es ist eine Sünde und ein Vergehen, wenn eine Rosine aus der Hand des
Bediensteten herunter fällt; es bedeutet, dass schlimme Zeiten auf jene Person
oder Familie zukommen.
Nach
dem Verteilen der Rosinen, werden auch die groben Fleischstücke und die
Fladenbrote auf die Anwesenden verteilt, für jede Familie ein angemessener
Anteil. Das sind alle Bräuche, die am Abend des „Schilans[19]“
praktiziert werden.
Die besondere
Zubereitung des „Khawras“
Zum
Khawrabacken gehört Hefe, diese Hefe wird jedes Jahr von den Pirs der
Großfamilie „Pirali“ an ihre Anhänger verteilt. Jedes Jahr in der Batizmizeit
bereitet jede Familie das Mehl zum Backen des „Khawras“. Dieses Mehl ist
lediglich für „Khawra“ und für die Fladenbrote, die für Almosen bestimmt sind,
gedacht. Aus diesem Mehl darf die Familie nichts anderes backen, und somit wird
der Mehlbehälter erst am ersten Batizmitag, am Sonntag, geöffnet. An jenem Tag
verteilt der jeweilige „Pir“ die Hefe auf seine Anhänger. Die Hefe wird durch
den Pir mit Hilfe einer Walnuss, als Gerinnungsmittel, hergestellt.
Zur
Geschichte der Wallnuss als Hefeersatz
Die
Geschichte bezieht sich auf die Zeit, in der Pirali als Schafhirt bei der
christliche Kirche „Der Dele“ arbeitete. Eines Tages als er an einem sehr heißen
Sommertag mit seiner Schafherde auf dem Weideplatz war, sah er, wie seine Schafe
unter der Sonnenhitze leiden - nirgendwo war ein Schattenplatz zu erblicken-, so
ging Pirali hin und stach seinen Schäferstock in die Erde und betete zu Gott. Im
Nu blühte dieser Stock auf und wurde zum Wallnussbaum. Der Baum wuchs schnell
und unter seinem Schatten hatten nun alle seine Tiere Platz. In der Nähe
desselben Baumes entsprang eine Wasserquelle, die unter anderem als Wassertränke
für die Tiere diente. (Pir Ismail erzählte mir, dass seine Vorfahren den Baum
aus der Türkei mit nach Shengal genommen haben. Alle „Pirs“ und „Shekhs“ nahmen
dann die Wallnüsse und stellten mit deren Hilfe die Hefe für ihre ganzen „Mirids“/Anhänger
her. Außer den Wallnüssen nahmen sie keine anderen Gerinnungsmittel oder
Zutaten)
Dabei bereitet jeder Pir oder Shekh an jenem Abend, an dem die Hefe für das
Khawarabrot vorbereitet wird, bis zu 50 Kilo Teig. Die Wallnüsse werden
lediglich unter den Teig gemischt, und am darauf folgenden Tag ist die Hefe ohne
große Mühe fertig. Bis zum heutigen Tag wird die Hefe für diesen Anlass bei
Tshelka in der Region Shengal auf diese Weise zubereitet.
In
der Nacht zum Freitag bleiben alle wach, und am darauf folgenden Tag, also am
Freitag wird der Vormittag dann zum Ausruhen genutzt.
In
der Nacht zum Freitag, auch „Shavbarat“[20]
genannt, teilen sich die Menschenmengen in zwei Gruppen; die Jüngeren verbringen
die Nacht mit Tanz und Musik und verschiedenen traditionellen Spielen und die
Älteren setzten sich zusammen und werden meistens von einem Religionskenner,
meistens einem Priester, unterhalten. Der Priester erzählt den wissbegierigen
Anwesenden religiöse Geschichten, Geschichten der Heiligen, wie z.B. von Shaikh
Adi und vieles mehr.
Das
Fest oder das Festival „Shavbarat“ ist sicherlich nicht nur für Yeziden aus dem
Tshelka-stamm gedacht. Die Einladung ist offen auch für andere Yeziden aus
anderen Gebieten, alle können an diesem Abschlussfest teilnehmen.
Das
Batizmifest dauert sieben Tage. Jeder Tag wird zu Ehren eines Heiligen oder
eines Engels gefeiert. Der letzte Tag ist für „Sheshims“ bestimmt. Als Pirali
einst betete, sagte er:
„Den
Sonntag habe ich für „Sheshims“ bestimmt.“ An diesem Tag kommen alle Bewohner
des Dorfes oder der Gegend in dem Haus beisamen, in dem das Khawrabrot gebacken
wurde und nehmen ein gemeinsames Frühstück ein. Sie gratulieren sich
gegenseitig zum Fest, holen sich den Segen des „Piralis“ und nehmen anschließend
ein „Tobark“ aus dem „Khawra“ mit sich.
Am
Sonntag findet auch die „Basimbar-Zeremonie“ statt. Basimbar ist ein weiteres
Zeichen oder Symbol des Piralis. Basimbar wird aus drei dünnen Fäden, rot, gelb
und weiß gebastelt, diese Fäden werden miteinander verflochten und um den Arm
oder den Hals getragen, es ist speziell für kranke und schwache Kinder bestimmt,
die an „Kema heyve[21]“
erkrankt sind.
Das
Tragen des Basimbar-Armbandes ist inzwischen für alle Tshelki zur Pflicht
geworden. Das Basimbar-Armband wird das ganze Jahr übergetragen und darf unter
keinen Umständen herausgenommen werden, erst am letzen Tag des Batizmifestes,
also am Tag zu Ehren von Sheshims wird es durch ein neues ersetzt. Das alte
Armband wird an einem sauberen Ort deponiert, meistens mit den anderen heiligen
Gegenständen in einem speziell für diesen Zweck hergestellten Strickbeutel.
Die Herkunft der Bezeichnung „Tshelka“
Bezüglich der
Herkunft des Wortes „Tshelka“ gibt es verschiedene Theorien. Eine dieser
Theorien wird von den Tshelkas selbst vertreten. Die Tshelka behaupten, dass ein
Zusammenhang zwischen ihrer Stammesbezeichnung und der von Pirali wieder zum
Leben erweckten „Kuh“ besteht. Da die Yeziden in der Anfangszeit Pirali wenig
Glauben schenkten, hat Pirali bei seinem ersten Besuch vor ihren Augen ein
Wunder vollbracht, indem er die tote und bereits geschlachtete und verzehrte Kuh
wieder zum Leben erweckte. Nach diesem Ereignis sollen sie die Bezeichnung „Tshelka“
bekommen haben. „Tshelka“ leitet sich demnach von dem kurdischen Wort für „Tshel“/
„die Kuh“ ab.
Pir Ismail,
der mir persönlich diese Geschichte erzählte, sagte:
„Ich
persönlich stimme der obigen Theorie nicht zu, denn von unseren Vorfahren haben
wir mitbekommen, dass wir, also der Stamm der Tshelka, aus Indien stammen. Der
genaue Zeitpunkt der Auswanderung aus Indien ist uns allerdings nicht bekannt.
Wir wanderten aus Indien in den Iran, von dort aus wanderten wir weiter nach
Russland und von dort aus gelangten wir in die Türkei.
In der Türkei
haben sich unsere Vorfahren in der Gegend um „Tshelke Eliye Rammo“
niedergelassen. Wenn die Einheimischen einen nach seiner Herkunft fragten, also
woher er ursprünglich käme, antwortete er, ich komme aus „Tshelk“. Und wenn sie
weiterhin fragten, gehörst du zu denen, die aus „Tshelk“ hierher gekommen sind,
antwortet er: Ja, ich gehöre zu denen.
Auf diese
Weise wurde dieser Stamm „Tshelk“ genannt. In der Türkei, wurden sie von den
Einheimischen „Tshelket Eliye Rammo“ genannt; eine typische Begrüßung sah so
aus:
-
Willkommen.
-
Danke, Güte sei mit
Dir.
-
Woher kommst du?
-
Ich komme aus „Tshelk[22]“
Der
Stamm der Tshelka hat sich dann über lange Zeit vermehrt, Aus dem großen Stamm
haben sich dann viele kleine Unterstämme gebildet, die sich mehr oder weniger
verselbstständigt haben und sich in Dörfern niedergelassen haben.
Die Größe des
Stammes Tshelka
Ich
vermute, dass es derzeit 10-15 Unterstämme der Tshelka gibt. Der größte
Unterstamm ist Dasikan, danach kommen Kiwakhi, Badshini, Kavnasi, Taqa, Kharabi,
usw.
Es
gibt bis jetzt keine genaue Statistik über die Größe der Tshelka, aber ich kann
ihre Anzahl auf ca. 6-7 tausend Familien schätzen.
In der Türkei
wurde der Stamm von der Familie „Dudo“ geführt, danach übernahm die Familie „Khalafe
Garnus“ die Führung. Zum Schluss ging die Führung an die Familie „Shamdine
Tsholi“
Im
Irak wurde der Stamm von der Familie des Priesters „Pir Abdo“ geführt; nach
seinem Tod übernahmen seine Söhne die Führung.
Die
Großfamilie des Pirali hängt dem „Shaikh Malak Fkhradin“ an, ihr Pir ist „Mahmad
Rashan“, später richteten sie ihre Abgaben an die Priesterfamilie „Hesenmaman“.
Hie
endet die Geschichte.
II. Kommentar und Erläuterung
Bevor ich auf
die Person Piralis genauer eingehe und versuche den Zusammenhang mit dem
Batizmifest zu erklären, möchte ich mich zunächst der Frage nach dem Ursprung
des Stammes „Tshelka“ widmen.
Zunächst ist zu überprüfen, in wie weit die beiden Theorien bezüglich des
Ursprunges der Tshelka richtig sind; beide Theorien werden von Tshelkas selbst
vertreten.
Die
erste Theorie verbindet die Bezeichnung des Stammes Tshelka mit der Ankunft
Piralis. Diese Bezeichnung sei ihnen „den Tshelkas“ nach der Wiederbelebung der
geschlachteten Kuh von Seiten Piralis angehängt worden. Erst nach diesem Wunder
sollen die Menschen in jener Gegend Pirali Glauben geschenkt haben. Demnach
wurden sie „Tshelka genannt, also diejenige, die an Pirali glaubten.
Ein
Teil der Tshelka lehnen jedoch diese Theorie ab und behaupten, sie heißen nur
deswegen „Tshelka“, weil ihre Vorfahren aus Indien nach Nordkurdistan (Südost
Türkei) gekommen sind und sich in der Gegend „Tshelke Eliye Rammo“
niedergelassen haben.
Es
ist unumstritten, dass die Wurzeln der historischen Sprachentwicklung bei den
Menschen liegen. Der frühere Mensch hat jedem Gegenstand oder Objekt, den er
erblickt hat, Namen gegeben. Am Anfang lebten die Menschen in kleinen Gruppen,
erst später vereinten sie sich zu einem Stamm. Es ist daher sehr wahrscheinlich,
dass die kleinen Menschengruppen erst nach hunderten von Jahren in Form von
Stämmen bekannt wurden. Und aus diesem Grund wurden die ältesten Menschengruppen
und Stämme nach ihren Stammesvätern oder nach berühmten und bekannten Orten,
Plätzen, Flüssen und Ebenen benannt. Einige Stämme wurden auch nach ihren
Göttern benannt, wie dies bei den Yeziden, Assyrern und Buddhisten der Fall ist.
Der
Beginn der Sprache ist eng verbunden mit der Entwicklung der Beziehung der
frühren Menschen mit der Natur. Es liegt sehr nah, dass erstens die früheren
Menschen sich anhand von leicht verständlichen Tönen und Zeichen verständigt
haben, und mit der Zeit wurden diese Töne und Zeichen zu ganzen Wörtern
entwickelt. Diese Entwicklung muss Jahrhunderte angedauert haben bis schließlich
eine menschliche Sprache entwickelt wurde. Zweitens ist es sehr wahrscheinlich,
dass die frühren Menschen bzw. Menschengruppen allen Gegenständen und Objekten
auf der Erde als auch im Himmel Namen und Bezeichnungen gegeben haben. Nach
dieser Theorie, scheint es mir sehr wahrscheinlich, dass die frühren
Menschengruppen und Völkerstämme nach ihrem ersten Stammesvater benannt wurden.
Möglich ist auch, dass diese Völkerstämme den Bergen, Ebenen, Dörfern und
anderen Objekten die gleiche Bezeichnung gegeben haben wie der ihres Stammes.
Wie vorhin
erwähnt, wurden viele Völkerstämme nach ihren Gottheiten benannt, wie dies bei
den Assyrern (ihre größte Gottheit: Assyr) und den Yeziden (ihre größte
Gottheit: Ezi, Ezdan) der Fall ist.
Die Theorie,
die die Bezeichnung des Stammes Tshelka mit der Schlachtung der Kuh und deren
Wiederbelebung durch Pirali in Zusammenhang bringt, ist meiner Ansicht nach auf
eine schwache Basis aufgebaut, weil der Stamm der Tshelka schon vor dem
Erscheinen Piralis und dem Ereignis mit der geschlachteten Kuh ein Namen gehabt
haben muss.
Wenn wir uns
jetzt der zweiten Theorie widmen und - falls es tatsächlich wahr ist, dass der
Stamm der Tshelka aus Indien herkommt, und dessen Namen ursprünglich Tshelka
war, - so ist als positiver Faktor darauf hinzuweisen, dass bis heute eine
Menschengruppe in Indien existiert, die Kühe sehr verehrt und die keine Kühe
schlachtet und auch kein Rindfleisch isst.
Die Frage, die
sich jetzt stellt, ist die, ob es eine Beziehung zwischen dem Stamm der Tshelkas
aus der Türkei, dem Irak und Syrien einerseits und den Hindus in Indien,
andererseits gibt, die Verehrer der Kühe sind.
Bis jetzt gibt
es kein geschichtliches Dokument, auf das man die zweite Theorie stützen könnte,
daher bleibt die Antwort auf diese Frage offen.
Der
interessante Punkt für mich in der Geschichte über die Existenz und die Herkunft
des Stammes Tshelka ist die Tatsache, dass die aus Indien stammende
Menschengruppe sich in „Tshelke Eliye Rammo“ niedergelassen hat.
Auf die Frage
der Einheimischen in der Gegend nach deren Herkunft, antworten sie, wir kommen
aus „Tshelke Eliye Rammo.
Sie antworten
in kurdischer Sprache und sagen: Tshelk, Tshel, Tshel, Tshelk[23].
Tshelkis und
der Tshelka Stamm, d.h. Menschen, die in der Nähe des Felsen leben, oder
Menschen, die in den Bergen leben, Tshelkis des Eliye Rammo oder Tshelkis, die
neben dem Felsen Eliye Rammo leben, oder Berg des Eliye Rammo, das sind mögliche
Erklärungen des obigen Ausdruckes.
Ich glaube,
die letzte Theorie ist wahrscheinlicher als die erste und zweite.
Andere
wichtige Aspekte in der Geschichte Piralis:
-
Pirali und die
Bezeichnung des Batizmifestes, d.h. woher stammt die Bezeichnung „Batizmi“?
-
Pirali und seine
Arbeit als Schafhirte bei der Kirche „Der Dele“(Die Beziehung eines Yeziden als
Schafhirt zu einem christlichen Priester).
-
Das Batizmifest – Das
Belindafest – Das Neujahrfest – Das Fasten und das Fest zu Ehren von Sheshims,
welchen Zusammenhang gibt es zwischen diesen religiösen Festen?
-
Schafe als Symbol der
Schafzüchtung., die Kuh als Opfertier.
-
Khawra /Khawler und
dessen Herstellung aus Weizen, Pflanzen, und Baumfrüchten und das Fleisch als
Tieropfer.
-
Pirali und die
unterschiedliche Bewertung des Mehls/das Sawik bzw. Khawrabrotes und das
Tierfleisch als Opfergaben.
-
Die ausnahmelose
Akzeptanz der gesunden Tiere (Schafe, Kühe, Schafböcke) als Opfergaben.
-
Die Beziehung
zwischen Pirali und Pirafat.
-
Sieben Tage – Sieben
Fleischstücke, Sieben Lichter/Kerzen.
-
Der Nussbaum und der
Gehstock und die Beförderung des Wassers durch die Segenskraft Piralis.
-
Basimbar, das
Neujahrsfest und die Krankheiten und deren rituelle Heilung.
Der Erzähler
der Geschichte „Pirali“ gehört auch selber zur Großfamilie Piralis; es deutete
darauf hin, dass „Pirali“ vor der Zeit Schaikh Adis existierte.
Die Anbetung
der Ahnen und Vorfahren ist nichts Ungewöhnliches bei den Völkern des Orients im
Allgemeinen und bei den yezidischen Stämmen im Besonderen.
Es ist sehr
schwer, den genauen Lebenszeitraum Piralis zu bestimmen, da uns keine
geschichtlichen Dokumente zur Verfügung stehen. Wenn wir wenigstens Auskunft
über die Person „Eliye Remo“ hätten, oder über die christliche Kirche „Der Dele“
und wie sie eventuell früher hieß, dann könnten wir zumindest die Herkunft des
Stammes „Tshelka“ bestimmen und damit auch die Herkunft Piralis.
Wir können
jedoch ganz gewiss davon ausgehen, dass die Ereignisse der Geschichte sich in
der Zeit nach der Verbreitung des Christentum in Kurdistan abspielen, weil in
der mündlichen Überlieferung ganz genau davon berichtet wird, dass „Pirali“ zu
der genannten Kirche hingeht und dort als Schafhirten tätig wird. Die
Verbreitung des Christentums in Kurdistan begann an der Wende zum zweiten
Jahrhundert nach Christus, und im 5.Jh. n. Chr. kam es zu einer Spaltung im
Christentum, zwei der orientalischen Kirchen, die Nestorianer und die
Jakobitenkirche spalteten sich aufgrund von Meinungsverschiedenheiten bezüglich
einiger religiöser Fragen.[24]
Jeder Hinweis über die vorherigen Personen oder Objekten wird uns neue
Erkenntnisse bringen können, weil alles wie eine Kette in Zusammenhang steht.
Wie stand es
um die religiöse Zugehörigkeit „Piralis“, als er zur der Kirche „Der Dele“ kam,
und warum steht das Fest „Batizmi“ im engen Zusammenhang mit seiner
Persönlichkeit?
Nach einer
langen Suche nach der lexikalischen Bedeutung des Begriffes „Batizmi“ bin ich
zum Schluss im kurdisch – persischen - Wörterbuch[25]
fündig geworden. Dort steht unter dem Eintrag „Batirza“= ein religiöses Fest der
Yeziden und findet im Winter statt.
Im englischen
Wörterbuch[26]
steht folgender interessanter Eintrag unter „Baptizm“:
1.
Die Taufe
2.
Die ersten
Erfahrungen des Menschen in seinem Leben
3.
Das Eintauchen eines
Kindes in Wasser, oder das Besprühen oder Besprengen des Kindes mit Wasser,
damit es von seinen Sünden gereinigt wird und der Kirche beitritt und damit
seine Seele ebenfalls gereinigt wird.
Wenn wir das
englische Wort „Baptizm“ und das kurdische Wort „Batizmi“- eine andere Variante
ist „Batimzi“ miteinander vergleichen, dann können wir feststellen, dass der
einzige Unterschied zwischen den beiden Schreibformen bei dem Buchstaben „P“
liegt.
Den Brauch der
Taufe gibt es bei vielen der älteren Religionen. Dieser Brauch spielt bis heute
eine bedeutende Rolle. Anders als im Christentum werden in der yezidischen
Religion nicht nur Kinder getauft, sondern auch Erwachsene. Der Ort der Taufe
beschränkt sich jedoch auf das religiöse Zentrum der Yeziden in Lalish, dort
werden die Yeziden mit dem geweihtem Wasser aus den beiden heiligen Quellen „
Kaniya Sipi und Zimzim“ getauft und zwar bei jedem Besuch im Heiligtum von
Lalesh. Hier wird der Unterschied zum Christentum sehr deutlich, denn wobei im
Christentum die Herkunft des Wassers keine große Rolle für die Taufe spielt, ist
es bei den Yeziden genau festgelegt, welches Wasser für die Taufe geeignet ist,
nämlich das aus den oben genannten heiligen Quellen im Laleshtal.
Ich habe
diesen kleinen Exkurs gemacht um anschließend die Frage zu stellen, ob es einen
Zusammenhang gibt, zwischen dem religiösen Fest „Batizmi“ und dem Wort „Baptizm“
und der Taufe bei den Christen. Hier möchte ich noch einmal zur Erinnerung
darauf hinweisen, dass am Anfang der mündlichen Erzählung davon berichtet wird,
dass Pirali in der Anfangszeit, als er in der oben genannten Gegend auftauchte,
als erstes in der christlichen Kirche „Der Dele“ als Schafhirte gearbeitet hat,
und dort wurden zum ersten Mal seine Wundertaten beobachtet.
Ich denke, es
gibt außer der Bezeichnung des Festes andere interessante Anhaltspunkte wie z.B.
die besonderen Riten und Bräuche des Festes sowie das genaue Datum des Festes,
an welchem Tag und zu welcher Jahreszeit das Fest stattfindet.
Das
Batizmifest findet Ende Dezember und Anfang Januar statt. Im Winter finden die
meisten Fest statt, wie z.B.
1.
Das Fest nach
vierzigtägiger Fastenzeit im Winter. Die Fastenzeit beginnt am 13. Dezember und
endet am 20 Januar nach dem gregorianischen Kalender, bzw. am 26.Dezember bis
04. Februar nach dem Julianischen Kalender.
2.
Das Ezi-Fest, nach
drei Tagen Fastenzeit, die drei Fasttage finden in der ersten Dezemberwoche
(Gregorianischer Kalender) vom Dienstag bis Donnerstag statt, am Freitag wird
dann das Fest gefeiert.
3.
Das „Belinda
Pira-Fest“ (die Pirs der Großfamilie Pirafat), das Fest findet Mitte Dezember
statt (nach Gregorianischem Kalender).
4.
Das große Belindafest
findet eine Woche nach dem Fest der „Belinda Pira“ statt, d.h. Ende Dezember
(nach Gregorianischem Kalender).[27]
5.
Das „Melmelavfest“
oder „Mer ave“ bzw. „Merav“ in der Region Schengal. Ich vermute, dass das Wort
melmelav einen persischen Ursprung hat und möglicherweise von Merav oder Merab
abgeleitet ist. Merab ist der Verantwortliche für den Wasservorrat in den
Dörfern und für die Wasserstellen, er ist für die Verteilung des Wassers auf die
Einwohner des Dorfes verantwortlich.[28]
6.
Gurka ga[29].
Diese Feste,
Sitten und Zeremonien mitsamt allen anderen Festen der Yeziden in allen vier
Jahrszeiten- ich nenne es ein astronomisches Schauspiel-, bergen in sich die
Philosophie über die Erschaffung der Planeten, über die Zeit, die
Weltallereignisse, den Umlauf der Planeten und die Naturveränderung in den
Jahreszeiten. Man findet auch, dass diese Feste in engem Zusammenhang stehen mit
dem Beginn der Bodenbebauung und dem Ackerbau/dem Säen von Weizen. // und die
Verbindung dieser Hauptereignisse mit der Philosophie des Todes und des Lebens.[30]
(Diese Hauptereignisse sind in einem Zusammenhang mit der Philosophie des Todes
und des Lebens zu sehen).
Der Tod hat
die Menschen stets beschäftigt, es war und ist immer noch eins der
umstrittensten Themen der Menschheit. Jede Menschengruppe oder jede Religion
erklärt sich dieses Phänomen anders, doch eine vollkommene und ausreichende
Antwort und Erklärung über den Tod hat es bis heute noch nicht gegeben.
Die Yeziden
glauben, dass der Mensch aus zwei Substanzen oder zwei Elementen besteht, dem
Geist und dem Körper, manchmal wird die Psyche auch dazu gerechnet.
Die
Erschaffung des Geistes ist stets ein Werk Gottes gewesen, er erschuf ihn im
Himmel, im Licht. Die Seele ist unsterblich, wandert nach dem Tod von einem
Mensch zu einem anderen; der Körper und die Psyche aber sind die Ursprünge des
Unfugs, sie sind sterblich.
Im Yezidentum
ist die Idee über die Unsterblichkeit des Geistes zwar verankert, und wird als
Gotteswerk angesehen, doch die Yeziden vertreten oft auch die Meinung, dass es
die gute und die schlechte Seele gibt, also nicht nur die gute Seite, und dass
die Seele nach ihren weltlichen Taten zur Verantwortung gezogen wird!
Desto trotz
denke ich, dass die genannten yezidischen Feste, nämlich das „Batizmifest“ beim
Stamm „Tshelka“ in der Heimat und in der Diaspora, das „Mel Melav-Fest“ in
„Shengal“, das „Belinda Pira-Fest“ und „Belinda mezin“ in „Walatshekh“, die
Fasten zu Ehren von „Ezi“ und „Sheshims“ sowie auch das christliche Fest
„Weihnachten“ am 24. und 25. Dezember, von Tod und Auferstehung handeln.
Im Christentum
sehen wir auch die Vorstellung der Auferstehung bzw. der Seelenwanderung: Jesus
Christus opfert sich nämlich, um die Welt von den Sünden zu befreien, und er
aufersteht nach drei Tagen wieder. Diese Idee der Auferstehung oder der
Seelenwanderung ist im Yezidentum noch tiefer verwurzelt als im Christentum. Die
Wiederbelebung der geschlachteten Kuh durch die Segenskraft „Piralis“ kann zwar
als Zeichen des neuen Lebens verstanden werden, doch aus realistischer und
astronomischer Sicht ist dieses Phänomen mit den Wetterveränderungen in dieser
Jahreszeit verbunden. An den Fastentagen zu Ehren von „Sheshims“ und „Ezi“ sowie
zur Zeit des „Batizmi und Belindafestes“, also am Ende des Herbstes und am
Anfang des Winters, als die Sonne im Sternkreis des Stiers steht.
Wie allgemein
bekannt ist, existieren zwölf Sternkreise der Sonne, und die Menschen in der
prähistorischen Zeit, wie z.B. die Babylonier, opferten in dieser Zeit der Sonne
einen Stier. Der Grund dieser besonderen Opfergabe in dieser Jahreszeit bestand
darin, dass die Babylonier damit die Gunst der Sonne gewinnen wollten. Sie
wünschten, die Sonne würde ihnen mit Güte und Segen entgegen kommen und sie
würde den Einbruch eines kalten Winters verhindern und durch das Blut des
Stieres Pflanzen und ihr Saatgut gedeihen lassen.[31]
Ein Teil der Christen glauben auch, dass Weihnachten kein christliches Fest ist,
sondern von anderen Religionen und Völkern übernommen wurde. An dieser Stelle
tauchen zwei Fragen auf:
-
warum wird „Pirali“,
wie es in der mündlichen Erzählung vorkommt, zum Schafhirten eines Christen in
der Kirche?
-
Warum haben die
Menschen in „Shore“ nicht sofort an „Pirali“ und seine Heiligkeit geglaubt, und
an was glaubten diese Menschen vor der Ankunft „Piralis“?
Es liegen uns
zwar keine historischen Dokumente vor, mit deren Hilfe wir die genaue
Wirkenszeit „Piralis“ feststellen könnten, man kann jedoch mit hoher
Wahrscheinlichkeit davon ausgehen, dass zu der Zeit die islamische Eroberung in
dieser Gegend noch nicht vorgedrungen war und die islamische Religion somit
nicht verbreitet war. Allein aus diesem Grund war bis dahin eine reibungslose
Kommunikation zwischen den Christen und den Menschen anderen Glaubens, wie z.B.
die Yeziden aus Kurdistan, möglich. Und wenn wir für einen Moment annehmen, dass
„Pirali“ ein Christ gewesen ist, dann wäre er mit größter Wahrscheinlichkeit in
der Kirche geblieben, und wäre nicht weiter nach „Shore“, „Shengal“ und „Walatshekh“
gewandert und es hätte auch die Erzählung über das „Batizmifest“ nicht gegeben.
Ich denke, dass „Pirali“ einer alten kurdischen Religion anhing, interessant zu
wissen wäre jedoch, wie die Yeziden zu der Zeit hießen? Diese Frage bleibt aber
leider aufgrund der fehlenden historischen Dokumente unbeantwortet.
Wir können
immerhin aus der mündlichen Überlieferung entnehmen, dass in der Zeit von „Pirali“
zwei Glaubensrichtungen/zwei Religionen nebeneinander in Kurdistan existiert
haben. Und aus dem Verhalten des Christen in der Kirche von „Der Dele“ gegenüber
„Pirali“, nachdem er mit seinen eigenen Augen die Wundertaten von „Pirali“
gesehen hat, wird deutlich, dass die Anhänger der beiden Religionen in Frieden
und Harmonie neben einander gelebt haben, und dass es keine gezwungenen und
gewaltsamen Bekehrungen zu einer bestimmten Religion jemals gegeben hat. Ganz im Gegenteil, wir erleben hier eher, wie tolerant die Menschen
verschiedenen Glaubens miteinander umgehen; wir sehen z.B. wie „Pirali“ in aller
Freundschaft sich bei seiner Abreise von seinem „Arbeitgeber, den Christen
verabschiedet.
Bei „Piralis“
Ankunft bei den Stämmen in „Tshiyaye Shore“ und danach beim Stamm „Dasika„ stößt
er auf die Hartnäckigkeit der dort ansässigen Menschen. Sie schenken ihm keinen
Glauben, bis er dann - wie es in der mündlichen Überlieferung vorkommt -, bei
den Menschen aus den Stämmen „Kiwakh und Badshin“ die geschlachtete Kuh wieder
zum Leben erweckt. Anhand dieser Begegnung kann man feststellen, dass sich die
beiden Seiten, d.h. „Pirali“ und die Menschen der Gegend vorher nicht gekannt
haben, sonst hätten sie „Pirali“ nicht herausgefordert, um ihnen seine
Heiligkeit zu beweisen.
An
dieser Stellt kann man auch die Frage stellen, ob „Pirali“ und die anderen
Menschen Glaubensbrüder waren oder ob sie zwei verschiedenen Religionen
anhingen, und ob sie sich nach der Wundertat von „Pirali“ gegenseitig akzeptiert
haben oder nicht, also ob es hier zur einer Glaubensbekehrung gekommen ist oder
nicht. Was mich auf diesen Gedanken bringt, ist die folgende Aussage des
Erzählers: „Damals stellt er sich ihnen als „Pirali“ vor, aber wie er früher
hieß, wissen wir nicht“.
Die
Glaubensgrundlage der älteren Religionen ist gemäß der Beziehung des Menschen zu
seiner Umwelt aufgebaut. Diese Erkenntnis wie sie allgemein in der
Geschichtswissenschaft bekannt ist, kann man in drei Hauptgruppen einteilen:
1.
Religionen mit engem
Zusammenhang zur Landwirtschaft.
2.
Religionen mit engem
Zusammenhang zur Viehzucht.
3.
Religionen mit engem
Zusammenhang zum Handel.
Für jede dieser Religionsgruppen gibt es
religiöse Symbole, Dogmen, Sitten und Bräuche, z.B. die Verehrung und besondere
Beachtung der Sonne liefert den Nachweis dafür, dass die Glaubensgrundlagen
jener Religion mit Landwirtschaft in engem Zusammenhang stehen, denn ohne die
Sonne gedeiht nichts.
Andere Symbole die bei den verschiedenen
Religionen auftauchen sind:
1.
der Mond; seine Verehrung zeigt, dass
jene Religion in engem Zusammen mit der Landwirtschaft steht und dass deren
Anhänger eher in den Steppen und kahlen Gegenden ansässig waren.
2.
Die Vielgötterei/Polytheismus, ist ein
Zeichen für die Religionen die in engem Zusammenhang mit der Landwirtschaft
stehen, ein Zeichen für das Zusammenleben von Menschen oder Göttern
unterschiedlicher Art.
3.
Monotheismus, der Eingottglaube ist
ein Zeichen der Nichtsesshaftigkeit/Nomadentum, der Herrschaft und der
Unterdrückung.
4.
Das Pferd, der Pferdewagen, die
Kamele, der Dattelbaum ist(sind) ein Zeichen für den Handel.
5.
Zuchttiere wie Schafe, Rinder, und
mêsh sind ein Zeichen für Viehzucht und Ackerbau.
Jede Familie des
yezidischen Stammes „Tshelka“ muss zwar während des „Batizmifestes“ ein
Tieropfer darbringen, aber „Pirali“ hat vor allem das Mehl des Jungen der alten
Frau am meisten bevorzugt. (sieh dazu oben: Wie sind „Bozeras“ zu den
Bediensteten des „Piralis“ geworden?)
„Pirali“
hat das Mehl - Produkt des Ackerbaus - von dem armen Jungen der alten Frau
angenommen und den anderen reicheren Opfergaben (dem Schafbock, dem Bullen etc.)
vorgezogen. Aus den Erkenntnissen dieses Teils der Geschichte kann man folgendes
ableiten:
1.
Der Zwist zwischen
zwei Lebensformen des menschlichen Daseins auf der Erde, nämlich das Zeitalter
der Bodenbebauung und der Viehzucht, und das Aufeinander prallen oder das
Zusammenschließen der beiden Formen in der Folgezeit. Die Tieropfergaben sind
zwar ein wichtiger Bestandteil dieses Festes, die anderen Gaben wie das „Khawrabrot“,
die Rosinen und die Walnüsse als Produkte der Landwirtschaft sind desto trotz
die Hauptgaben im „Batizmifest“. In diesem Zusammenhang spielt auch die Hefe,
die mit Hilfe der Walnuss zubereitet wird und von den Bediensteten aus der
Familie „Bozera“ hergestellt wird, eine sehr wichtige Rolle; die Hefe wird
anschließend auf die Laien/die Anhänger des „Pirali“ verteilt.
2.
Den Heiligen, Göttern
oder Engeln werden gewöhnlich reiche Opfergaben dargebracht, wenn wir aber
„einen einfachen und bescheiden Derwisch“ wie „Pirali“ betrachten, sehen wir,
dass er sich auch mit einer Gabe wie das Mehl oder einer Handvoll Rosinen
zufrieden gibt. Geschichtswissenschaftlich betrachtet, das Darbringen von
Tieropfergaben geht auf die Zeit des Patriarchats zurück, als die Männer, die
männlichen Mitglieder der menschlichen Gemeinschaft, die Oberhand hatten. In der
Zeit davor, als die Frauen, die weiblichen Mitglied der Gemeinschaft, die
Oberhand hatten, war das allerdings anders geregelt, den dort wurden nur
pflanzliche Gaben bzw. landwirtschaftliche Produkte dargebracht. Am Beispiel des
Khawrabrot oder Khawler (das khawrabrot wird übrigens aus Mehl, Sesamkörnern,
Rosinen und Walnüssen hergestellt) kann man erstens ganz deutlich sehen, wie
wichtig die landwirtschaftlichen Produkte für dieses Fest sind, und zweitens,
dass khawra als Symbol oder Merkmal der Bodenbebauung und der Sesshaftigkeit des
Menschen verstanden werden kann. Das Weizenkorn, woraus auch das Khawra
hergestellt wird, wird bei den Yeziden im Volksmund als die Saat oder das Brot
des Glaubens oder des „Tawsi Malak“ betrachtet.
3.
Die Zahl sieben (7)
spielt im Batizmifest auch eine wichtige Rolle. Sie kommt mehrmals vor: das Fest
dauert sieben Tage lang, die sieben Fleischstücke, sieben Kerzen, sieben
Fladenbrote, usw. Die Zahl sieben kommt bei vielen Religionen vor, sie wird sehr
geschätzt. Die Mythologen bringen die Zahl sieben mit den sieben Tagen der Woche
zusammen und vertreten die Ansicht, dass die Zahl sieben die sieben Planeten im
Himmel darstellt, wobei jeder dieser Planeten für einen Engel steht. Die drei
Fastentage zu Ehren Sheshims finden Ende Dezember, Anfang Januar statt, also in
der Zeitspane des Sternzeichens „Stier“. Hier kann man eine Vermutung über die
Opferung von Bullen oder Kühen ableiten. Genauso wie es im Christentum üblich
ist, Jesus Christus als das Licht Gottes anzusehen und seinen Geburtstag oder
den Tag seiner Kreuzigung in dieser Jahreszeit (Winter) zu zelebrieren oder sich
daran zu erinnern, so ist es auch im Yezidentum
üblich, denn sie, die Yeziden wissen „Ezi“, „Sheshims“ und „Shaikh Adi“ als das
göttliche Licht, fasten zu Ehren dieser Heiligen und veranstalten Feste für
diese Anlässe. Dieses alles ist meines Erachtens ein Zeichen für das neue Leben,
das fortdauernde Leben, ein Leben ohne Leid und Qual. Das wird wiederum beim
Brauch des „Basimbars“ deutlich. „Basimbar“ ist ein religiöses Zeichen. Dabei
werden zwei dünne Fäden, ein weißer und ein rotes zusammen geflochten und das
ganze Jahr über um die Hand oder den Hals getragen. Während des Neujahrsfestes,
am ersten Mittwoch im April nach dem gregorianischem Kalender, wird dann das
alte Armband oder Halsband abgelegt- das Band wird den anderen geweihten
Symbolen beigelegt oder wird verbrannt- und das neue getragen. Der Gehstock
Shaikh Adis, mit dem er das geweihte Wasser aus der Zimzimquelle förderte, um
den anderen Shaikhs aus Bagdad seine Heiligkeit zu beweisen, oder der Gehstock „Piralis“
mit dem er in Shore das Wasser in einer absolut kahlen Gegend für seine
Schafherde förderte; diese Erscheinungen im Yezidentum sind gleichwertig mit der
Heiligkeit des Moses, der am Sinaiberg seinen Stock in eine Schlange verwandelte
oder mit dem er das Meer bei seiner Flucht aus Ägypten entzweite teile!.
[1]
Pirali und Batizmi: es handelt sich hier um einen Auszug aus dem
zweibändigen Werk des Historikers und freien Forschers Dr. Khalil Jindy
Rashow. Das 2004 in Duhok / Irakisch-Kurdistan erschienene Werk trägt den
Titel, „Perin ji edebe dine ezdiyan/Einige Passagen aus der oralen Tradition
der Yeziden“, Seite 878-899.
Pir Ismail Hewas, der selber aus der
Familie der Pirali stammt, hat mir diese Geschichte am 15.8.1999 in Einbeck
(Deutschland) erzählt. Pir Ismail ist im Jahr 1949 in der Region „Tshiyaye
Shengale/Nineve (Nordirak) zur Welt gekommen. Ich habe viele andere
Einzelheiten, die ich persönlich über diese Geschichte von anderen Personen
gehört hatte, hinzugefügt und den Text im Hinblick auf Grammatik verbessert
und zum Schluss habe ich dann die Geschichte und die in ihr enthaltenen
Symbole und Ereignisse interpretiert.
[2]
Tshelkani oder Tshelka ist die Bezeichnung für einen großen yezidischen
Stamm. Die Mitglieder dieses Stammes leben in der Türkei, Syrien, Irak und
Deutschland.
[3]
Shore oder Tshiyaye Schore ist eine Gegend in Nordkurdistan. (Der
Übersetzer)
[4]
Kiwakhi, Badshini und Kharabi, sind Bezeichnungen für yezidische Dörfer in
Nordkurdistan (Anm. G. Prieß: in der Nähe von Midiyat/Türkei) und
gleichzeitig auch Bezeichnungen für verschiedene Sippen des großen Stammes
der Tshelka.
[5]
Dasikan: Ebenfalls die Bezeichnung einer Sippe des Stammes der Tshelka;
Damit wird auch der Berghang in Nusseybin/Türkei bezeichnet.
[6]
Tur Abdin: bedeutet der Berg von Abdin. Liegt in der Nähe von Midiyat/Nordkurdistan.
Hier befinden sich einige yezidische Dörfer des Stammes der Tshelka. (Der
Übersetzer)
[7]
Khawra oder Khawler: das ist ein spezielles dickes Brot, es wird entweder
mit oder ohne Fett gebacken. In der Region von Walateshekh/Südkurdistan wird
eine Rosine in diesem Brot versteckt, und nach dem Fest „Belinda“ wird das
Brot nach Anzahl der Familienmitglieder geteilt und an sie verteilt, um zu
sehen, wer das Brotstück mit der Rosine bekommt.
[8]
Bozera: Die Bezeichnung einer Sippe des Stammes Tschelka.
[9]
Tobark: Ist ein gesegnetes Brot, Nahrung oder Lebensmittel, die seitens der
Priester den Laien geschenkt werden.
[10]
Sheshims: Der Sonnengott bei den Yeziden.
[11]
Shavbarat: der Ausdruck setzt sich aus dem kurdischen Wort „shav“ für die
Nacht und aus dem arabischen Wort „baraat“ für die Unschuld zusammen. Die
wörtliche Übersetzung würde somit heißen, „die Nacht der Unschuld“,
sinngemäß ist es die Nacht der Versöhnung und des Friedens.
[12]
Die Yeziden befolgen den gregorianischen Kalender, der gegenüber dem
julianischen Kalender 13 Tage im Verzug ist.
[13]
Tawissymbol: das Tawissymbol ist eine Bronzefigur und besteht aus vielen
Ringen, das oberste Teil ähnelt dem Haupt eines Vogels, ähnelt einer Taube
oder einem Pfau. Dieses Statute(Statue) symbolisiert den Obersten Engel
Tawisî Malak bzw. Engelpfau. Es gibt sieben solcher Tawissymbole bei den
Yeziden. Sie werden bei dem religiösen Oberhaupt der Yeziden im Lalishtal
aufbewahrt und werden jährlich von den yezidischen Geistlichen zweimal in
den Gegenden der Yeziden vorgeführt. Nach der mündlichen Überlieferung der
Yeziden existierten früher sieben yezidische Fürstentümer, für jeden der
Fürstentümer war einer der Tawisstatuten (Tawisstatuen) vorgesehen.
[14]
Fat: stammt aus dem arabischen und bedeutet, er ist vorbei gegangen.
[15]
Der Erzähler dieser Geschichte erzählt diese Version, doch in Wahrheit
stammen alle Großfamilien des Pirs aus dem Stamm Hakkari, die zu den Adanis
gezählt werden.
[16]
Pirakha ist eine Quelle, sie liegt in der Nähe der Dörfer Kolika und Sime
Hestir in Tshiyaye Shengale.
[17]
Eine yezidische Redewendung lautet, Av u Avayi d.h. das Wasser und das
Bebaute, das bedeutet: alle Orte, in denen sich Wasser befindet, sind
bebaut, dort existiert Leben. Aus diesem Grund wollten ganz besonders die
früheren Menschen den Wasserquellen, den Bäumen, den Flüssen und den Tälern,
von denen sie großen Nutzen hatten, eine heilige Bedeutung zuweisen. Zur
allen Zeiten waren die Wasserstellen und Quellen einer heiligen Person
gewidmet.
Ghab: das Wort stammt aus dem
arabischen und bedeutet „ Er ist verschwunden“. Aus diesem Grund wird
behaupte, dass dieser Ort Piragha/Pirakha heißt.
[18]
Die Kerzen werden selbst gemacht, sie werden aus einem weißen
Baumwollestoff, Salz und dem Fett des Opfertiers hergestellt.
[19]
Shilan: Am Ende der Zeremonie am Donnerstagabend werden die sieben
Fleischstücke von den Knochen abgelöst und in kleine Stücke geschnitten und
schließlich zusammen gekocht. Da das Fleisch zuvor teilweise gekocht ist
und eine Weile zurückgelegt wird, bekommt es einen besonderen aromatischen
Geschmack. Das gekochte Fleisch wird dann „Shilan“ genannt. Woher das Wort
abstammt, ist mir leider nicht bekannt. (Der Übersetzer)
[20]
Shavbarat: shavbarat ist ein zusammengesetztes Wort und bedeutet „die Nacht
der Unschuld“. Shav (kurdisch) = die Nacht, „barat“ oder „baraat“(arabisch)
= die Unschuld
[21]
Kema heyve: es handelt sich hierbei lediglich um einen andauernden
„Fieberschub“, und kema heyve ist die kurdische Bezeichnung für das erste
Mondviertel; diese Krankheit wird nach dem Volksbrauch mit der Mondbewegung
in Verbindung gebracht.
[22]
Tshelk: eine Ortsbezeichnung in der Türkei
[23]
Zu Deutsch: Großer Stein, Felsen, Berg. Siehe kurdisch-englisches
Wörterbuch, Baram Rizgar, S. 56, London 1993.
[24]
Siehe in: Al-ashuriun fi al-tarikh/Die Assyrer in der Geschichte,
Zusammengestellt von Isho Khalil Dshwaro, Beyrut, 1962, s.60.
[25]
Siehe in: Das Wörterbuch „Hanbana Porina“, das kurdisch-persische
Wörterbuch, Hadjar Mokriyani, Sirush, Shahran, 1376, s. 38.
[26]
Siehe in: Das Wörter Al-Mawred., englisch-arabisches Wörterbuch, Munir
Baalbaki, Beyrut, 1981, s.87.
[27]
Für ausführliche Informationen siehe in: Nahwa maarifat haqiqat al-diyana
al-ezidiya/Auf der Erkenntnissuche nach der Wahrheit über die yezidische
Religion, s. Nr.30
[28]
Siehe in: Das kurdisch-persische Wörterbuch, Hadjar Mokriyani, serchave
peshiye, s.84.
[29]
Gurka ga: eine Zeremonie bei den Yeziden im Irak; Die Hausfrau zündet am
späten Nachmittag/am Sonnenuntergang ein Holzfeuer vor dem Hauseingang oder
dem Stalleingang an und wenn ihr Mann mit seinem Vieh oder Pflugbullen nach
Hause kommt, muss er zuerst mit seinem Vieh über dieses Feuer laufen, danach
verteilt die Hausfrau Süßigkeiten auf die Anwesenden.
[30]
Siehe auch in: Nahwa maarifat haqiqat aldiyana alezidiya/ Auf der
Erkenntnissuche nach der Wahrheit über die yezidische Religion, Dr.Khalil
Jindy Rashow, 1.Auflage, Schweden 1998, s. 79-115.
[31]
Siehe in Fußnote 27, Seite, 106-107.