Aufgaben und Funktion der Qewals
Die Aufgabe der Qewals besteht darin, die Qewls (religiösen
Gedichte, Erzählungen und Lobhymnen) und die Di‘a (Gebete)
auswendig zu lernen und an die Yeziden weiterzugeben. Bedenkt
man, daß die Vermittlung des Yezidentums weitestgehend mündlich
erfolgt, so kann man die Qewals als religiöses Gedächtnis der
Yeziden bezeichnen. Mit ihren Vorträgen in Lalish, dem
Religionszentrum der Yeziden, und auf ihren Reisen zu
yezidischen Siedlungen, erinnern sie die Yeziden an ihre
religiöse Identität und Verpflichtungen. Da sie die Träger der
heiligen yezidischen Texte sind, genießen sie bei den Yeziden
einen hohen Respekt. Selbst größere Streitigkeiten können die
Qewals meistens erfolgreich schlichten. Damit übernehmen sie
neben ihrer religiösen Funktion, nämlich die religiösen Lehren
zu bewahren und zu vermitteln, eine sehr wichtige soziale
Funktion. Die Qewals sind für Yeziden, deren Siedlungsgebiete
weit entfernt vom religiösen Zentrum liegen, wie die Yeziden aus
Syrien und früher auch aus der Türkei, eine wichtige
Schnittstelle und Informationsquelle ihrer Religion. Bei ihren
Besuchen nehmen die Qewals freiwillige Abgaben entgegen, die für
die heiligen Stätten und dasweltlichen Oberhaupt (Mir) bestimmt
sind. Die Qewals werden ebenfalls anteilig bedacht.
Die Herkunft des Wortes Qewal
Während bis vor kurzer Zeit noch angenommen wurde, daß das Wort
Qewal aus dem Arabischen von qale-qewl (Person, die etwas
erzählt) abstammt, zeigen einige neue wissenschaftliche
Erkenntnisse und Sprachvergleiche auf, daß die Abstammung im
sumerischen Wort Kalo zu identifizieren ist. Im Sumerischen
bezeichnet Kalo einen Religiösen mit weisem Charakter.
Unterstützt wird diese These durch die Tatsache, daß die Yeziden
aus dem Sinjar-Gebiet (Shengal, Nord-Irak) noch heute das Wort
Kalo als Synonym für das Wort Qewal verwenden.
Der Ursprung der Qewals
Der Ursprung der Qewals geht auf den yezidischen Reformator
Sheikh-Adi (1074-1162) zurück. Deshalb bezeichnet man die Qewals
auch häufig als Qewals von Sheikh-Adi. Das gleiche trifft im
übrigen auch für die Fakire (yezidische Geistliche, die den
weltlichen Dingen abgesagt haben) zu.
Ursprünglich stammen die Qewals nur vom Stamm der Hekari und
Dimilî ab. Die Zugehörigkeit zu der Gruppe der Qewals kann nicht
erworben werden, sondern ist exklusiv, d.h. aufgrund der
Abstammung von Qewal-Eltern. Nach meinen Forschungen, die sich
auch mit den Informationen von Qewal Sivo, dem Sohn des jetzigen
Oberhauptes der Gruppe der Qewals, decken, wurde in der
Geschichte der Yeziden einmal von dieser Regel abgewichen. Im
Jahre 1834, der Zeit der Yeziden-Pogrome des moslemischen
Kurdenführer Mir Mihemedê Rewanduzî, auch Mirê Kor genannt,
gegen die Yeziden wurde die Zahl der Qewals erheblich reduziert.
Aus diesem Grunde wurde ein yezidischer Gelehrter namens Baso
vom Stamm der Mamûsî zum Qewal ernannt. Die Übertragung der
Qewal-Würde erstreckte sich auch auf seine Familienmitglieder.
Die Qewals besiedelten ursprünglich zwei Dörfer im Nord-Irak:
Die Qewals vom Stamm der Dimilî bewohnten das Dorf Bahzani, die
Qewals vom Stamm der Hekari bewohnten das Dorf Bashik. Hinzu
kommt der Unterschied, daß die Dimilî-Qewals als Schutzpatron (Khudan)
Nasirdin (Nasirdîn), die Hekari-Qewals Sheikh-Sin (Sêxisn)
haben.
Die religiöse Unterweisung der Qewals
Vor ca. 70 - 80 Jahren gab es im Dorf Bahzani eine
Religionsschule für Qewals. Hier wurden die Kinder der Qewals in
den Qewls, den Gebeten (Beyt und Di‘a) und dem Gebrauch der
Musikinstrumente Def (große Tamburin) und Shibab (Flötenart)
unterwiesen. Nach dem Tod des großen Qewal-Gelehrten Iso wurde
die Schule auf Anweisung des damaligen Mir (Bezeichnung für das
weltliche Oberhaupt der Yeziden) geschlossen. Die religiöse
Unterweisung erfolgt nunmehr auf regelmäßigen Sitzungen, bei
denen die älteren und ausgebildeten Qewals die jungen Qewals
unterrichten.
Voraussetzungen für die Ausübung des Qewal-Amtes
Nicht jeder Yezide aus der Gruppe der Qewals ist automatisch
berechtigt das Qewal-Amt auszuüben. Für das Erlangen dieser
besonderen Würde muß er mindestens die drei folgenden
Bedingungen erfüllen:
1) Umfassende Kenntnisse der yezidischen Lehre und der heiligen
Texte
2) Redegewandtheit und eine klangvolle Stimme
3) Uneingeschränkte Beherrschung der Musikinstrumente Def und
Shibab
Besonders schwierig ist das Erlernen der Begleitmelodien der
Qewls, da jedes Qewl eine spezielle Melodie erfordert. Nachdem
ein Schüler die Musik beherrscht, wird er an die religiösen
Texte herangeführt. Als ausgebildeter Qewal muß er die
wichtigsten religiösen Erzählungen und Gedichte auswendig
rezitieren können.
Da die heiligen Texte der Yeziden sehr umfangreich sind, werden
die religiösen Inhalte in nachstehender Reihenfolge gelehrt:
1) Di´a (Gebete)
2) Heilige Erzählungen und Gebete, die sich mit dem Tod
auseinandersetzen.
3) Die nachfolgenden Beyts (Text in Gedichteform, der sich mit
den Pflichten und der Verantwortung der Gemein- schaft
beschäftigt), Beyta Cindi (Lied über den Barm- herzigen), Beyta
Sibê (Mor- gen-), Beyta Êvarê (Abend- gebet)
4) Sieben religiöse Texte für die in Lalish abgehaltene Zere-
monie Sema (eine Art religiö- ses Theaterstück, das sich mit dem
Gebet und der Vereh- rung der sieben Engel für Gott beschäftigt
und von den reli- giösen Instrumenten Def (große Tamburine) und
Shi- bab (eine Flötenart) beglei- tet wird)
5) Die Melodie der heiligen Texte
6) Wenn der Schüler die Punkte 1-5 beherrscht, wird er in
Mishabet geschult. Bei der Mishabet lernt der Qewalmit mit dem
bewußten Vortragen von Auszügen einer religiösen Erzählung und
deren Interpretation Antworten auf gesellschaftliche Probleme zu
geben. Mishabet ist die Vollendung der Qewal-Kunst.
Hierarchie der Qewals
Oberhaupt der Qewals - Mezinê Qewalan
Er ist
der uneingeschränkte Führer und Wegweiser der Qewals und
verantwortlich für die religiöse Erziehung und Koordination der
Qewals. Er ist zugleich Mitglied des Religiösen Rates. Das
Oberhaupt der Qewals muß vom Stamm der Dimilî sein und residiert
im Dorf Bahzani.
Begê Sinceqan - Verwalter der Sinjeq
Qewals, die über herausragende Kenntnisse der heiligen Texte
verfügen, wird der Titel Bege Sinceqe (Verwalter der heiligen
Ta´us-Symbole) verliehen. Dieser Titel ist nach dem Amt des
Oberhauptes die höchste Auszeichnung, die ein Qewal erreichen
kann. Als Seyda (Religionslehrer) unterrichtet er die Qewals. Er
kann sowohl vom Stamm der Hekari als auch der Dimilî sein. Seine
wichtigste Aufgabe ist , bei den Ta´us-Wanderungen dabei zu
sein. Er vertritt die Schutzpatrone Sheikh-Sin (Sêxisn) und
Sheikh-Shims (Sêþims). Bei den Ta´us-Wanderungen nimmt er die
höchste Stellung ein. Selbst der Mir als weltliches und der Baba
Sheikh als religiöses Oberhaupt sind bei diesem Ritual dem Begê
Sinceqan untergeordnet.
Serhosta
Bei den Ta´us-Wanderungen rezitiert er die Qewls und spielt dazu
Tamburin und achtet darauf, daß die übrigen Qewals die Musik
richtig spielen.
Nûfer
Hiermit bezeichnet man einen in Ausbildung befindlichen Qewal.
Religiöse Handlungen der Qewals
In Lalish
Bei allen
Feierlichkeiten und religiösen Anlässen in Lalish sind Qewals
anwesend und nehmen eine wichtige Funktion ein. Dabei verfahren
die Qewals wie folgt: Vor Sonnenaufgang wird das religiöse Lied
Beyta Jindi (Beyta Cindî) in Begleitung des Def und Shibab
gespielt. Sie fordern die Yeziden auf aufzuwachen und rufen zum
Gebet auf. Mit Sonnenaufgang singen die Qewals das morgendliche
Beyt (Di‘a Sibê). Anschließend wird ein religiöser Marsch
gespielt.
Bevor das Simat (religiöses Essen aus Getreide), das in der
Küche Sheikh-Adi´s gefertigt wurde, im Hofe Sheikh-Adis gegessen
wird, spielt ein Qewal mit der Shibab eine kurze Melodie. Vor
Sonnenuntergang wird das abendliche Gebet (Beyta Êvarê)
verrichtet. Es kommt auch vor, daß andere heilige Texte gesungen
werden.
Am Abend, wenn die Yeziden sich sammeln, beginnt der Begê
Sinceqan mit dem Mishabet. Nach dem Mishabet wird das religiöse
Theaterstück Sema mit der musiklischen Begleitung der Qewals
aufgeführt. Bei dieser religiösen Zeremonie sind die
bedeutendsten religiösen Würdenträgern anwesend, wie der Baba
Sheikh und der Peshimam. Sieben dieser Würdenträger spielen die
Rolle der Engel, die zu Ehren Gottes drei Runden um ein Feuer
kreisen. Anschließend wird wieder Simat gereicht. Die bei dieser
Aufführung vorkommenden sieben Engel werden von den
Würdenträgern gespielt.
Ta´us-Wanderungen
Jährlich bereisen die Qewals die yezidischen Dörfer. Auf Ihrer
Reise nehmen sie eine Bronzestatue (Sinjak) mit, die
Ta´usi-Melek symbolisiert. Die Statue wird in einem Zimmer
aufgestellt. Die Qewals tragen religiöse Texte vor. Die Yeziden
küssen die Statue. Die Qewals verteilen Berat (runde weiße
Kugel, die aus der heiligen Erde von Lalish geformt wurde) und
geben den Yeziden einen Schluck vom Wasser von der heiligen
Weißen Quelle (Kaniya Sipî) aus Lalish. Nach Abschluß dieses
Rituals zahlen die Yeziden freiwillige Abgaben an die Qewals.
Sterbefeierlichkeiten
Zu den Sterbefeierlichkeiten singen die Qewals das religiöses
Lied Qewlê Seremergê, das sich mit dem Leben, dem Tod und dem
Leben nach dem Tod befaßt.
Religiöse Tänze
Zu den speziellen religiösen Tänzen vor der Weißen Quelle in
Lalish, auf der Brücke der Gütigkeit (Pira Marîfetê), den
Jumaiya-Feierlichkeiten zu Ehren Sheikh-Adi´s (Kabax) und bei
den Ta´us-Wanderungen spielen sie Def und Shibab
Übersetzung aus dem Kurdischen von T.
Tolan und C. Issa