Die Yeziden sind eine nicht-islamische, Kurdisch
Religionsgemeinschaft, deren Heimatland sich im Norden des Irak,
der östlichen Türkei und Syrien befindet. Seit Jahrhunderten
sind sie das Ziel religiöser Verfolgung durch Muslime. Im Laufe
des 19. Jahrhunderts suchten eine Reihe von yezidische Gemeinden
Zuflucht im christlichen Georgien und Armenien, und in der
zweiten Hälfte unseres Jahrhunderts nahm die Verfolgung dieser
Minderheit - sowohl als Nicht-Muslime wie auch als Kurden – in
unerträglichem Maße zu. Der Einsatz der GfbV für die Yeziden hat
dazu geführt, daß eine relativ große Anzahl von Menschen aus der
Türkei - und später auch aus dem Irak - nach Deutschland
flüchten konnte, die hier ihre Religion frei ausüben dürfen. In
Deutschland leben inzwischen ca. 40-50.000 Yeziden, die meisten
davon in Niedersachsen.
Wohl geprägt durch die lange Geschichte und
extreme Art der Verfolgung, der sie in ihren Herkunftsländern
ausgesetzt waren, haben die Yeziden keine Hoffnung auf eine
baldige Rückkehr in ihre Heimat. Vielmehr sehen sie die Zukunft
ihrer Religionsgemeinschaft in Deutschland.
Daher müssen sich religiöse Traditionen
entwickeln, die einerseits der yezidischen Kultur und Religion
Rechnung tragen, andererseits aber auch die durch das Leben in
Deutschland eingetretenen völligen Veränderungen der
Lebensumstände berücksichtigen. Probleme mit ihrer kulturellen
Identität, insbesondere der jungen Generation der Yeziden in
Deutschland, schienen teilweise sogar größer als die der jungen
muslimischen Einwanderer zu sein. Die Yeziden haben diese
Problematik erkannt und engagieren sich verstärkt dafür, das
Verständnis ihrer Religion und Kultur zu verbessern, sowohl im
Hinblick auf ihre eigene Gemeinschaft wie auch im Hinblick auf
die deutsche Gesellschaft.
So werden yezidische Zeitschriften (in deutscher
und kurdischer Sprache) publiziert, Religionsunterricht für
Kinder - und Erwachsene – angeboten und gebildete Yeziden
beschäftigen sich intensiv in Debatten mit ihrem Glauben.
Den Yeziden war es lange Zeit nicht erlaubt,
Lesen und Schreiben zu lernen, was die Entwicklung eines Systems
einer gelehrten Theologie, wie es uns in einer Religion
selbstverständlich erscheinen mag, ausgeschlossen hat.
Ihre religiösen Traditionen, die eines
nicht-alphabetisierten und in abgelegenen Berggegenden lebenden
Volkes, unterscheiden sich daher grundlegend vor denen des Islam
oder des Christentums – die beiden Religionen, denen Yeziden
bekannt sind. Während sich interreligiöse Diskussionen im
allgemeinen mit Doktrinen beschäftigen oder zumindest von
wohldefinerten Glaubensgrundsätzen, können Yeziden ihre Religion
auf einer solchen Basis kaum definieren. Für die meisten spielt
die geistliche Autorität ihrer religiösen Oberhäupter, die
Bedeutung ihrer Heiligen Lieder und ihrer alten religiösen
Bräuche eine viel größere Rolle als alle intellektuelle
Überlegungen.
Den Yezidismus in einer Weise zu definieren, der
sein Überleben in Deutschland garantiert, wird von
intellektuellen Yeziden versucht. Sie bemühen sich, die
Charakteristika ihres Glaubens und ihrer Tradition in einer
Weise darzulegen, die den gegenwärtigen Anforderungen, die die
neue Umgebung an sie stellt, gerecht wird.
Die Initiatoren dieses Projekts suchen keinen
rein intellektuellen Ansatz für die Beschreibung ihrer Religion.
Es ist ihnen bewußt, daß sie mit einem solchen Ansatz kaum das
Ziel erreichen würden, das sie vor Augen haben: nämlich ein
deutlicheres Verständnis der Eigenheit ihres Glaubens und ein
stärkeres Gefühl der Identifikation, der Identität und des
Stolzes.
In Anbetracht dieser Überlegungen sollten eine
Reihe von hochangesehenen traditionellen Yezidi-"Geistlichen"
aus dem Nahen Osten und dem Kaukasus nach Deutschland kommen und
den hier lebenden Yeziden (und anderen Interessierten) die
Möglichkeit geben, einen wichtigen Teil ihrer Tradition zu
erleben, was sonst – aufgrund der gegenwärtigen Lage im Nahen
Osten – für lange Zeit nicht möglich wäre.
Ein solches Treffen mit den religiösen
Oberhäuptern der Yeziden könnte sowohl für die kulturelle
Identität und das religiöse Empfinden der Gemeinschaft als auch
für die yezidischen Intellektuellen von unschätzbarem Wert sein,
die versuchen ihre Religion mit Begriffen, die aus einer anderen
Kultur stammen, zu definieren, dann wieder mit der
ursprünglichen Tradition in Kontakt zu sein.